Geschichten über den Frieden
Als ich jung war wurden Geschichten von Feinden erzählt, gegen die wir uns verteidigen müssen. Jetzt bin ich vierundsechzig Jahre alt und es werden noch immer die gleichen Geschichten erzählt, nur die Feinde haben im Laufe der Jahrzehnte gelegentlich gewechselt. Am Beginn des neuen Jahrtausends mussten wir unsere Freiheit und Demokratie am Hindukusch verteidigen, ungefähr zwanzig Jahre später haben wir ganz plötzlich damit aufgehört. Was war jetzt anders?
Ich will hier nicht die Ereignisse dieses und anderer Kriege analysieren, über die Geschichten dieser Kriege ist schon viel geschrieben worden. Ich will Fragen stellen, vor allem will ich eine Geschichte hinterfragen die im Zusammenhang mit diesen Kriegen und aktuell jetzt wieder sehr intensiv erzählt wird: die Geschichte „wir sind die Guten“. Ist das so? Haben die NATO Länder alles unternommen um die Kriege im Kosovo, in Afghanistan, im Irak, in Libyen und in der Ukraine zu verhindern? Haben wir wirklich alle uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten ausgeschöpft? Wurden die Kriegsverbrechen der US Armee in Afghanistan und im Irak, die von Julian Assange aufgedeckt wurden, untersucht und strafrechtlich verfolgt? Wer wurde für die völkerrechtswidrigen Überfälle auf Afghanistan und den Irak vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag angeklagt? Aktuell drängt sich die Frage auf: wie soll ein militärischer Sieg im Ukrainekrieg ganz konkret und praktisch aussehen?
Die Antworten auf diese Fragen führen uns wahrscheinlich wieder zu den Geschichten über die Kriege, in das Wirrwarr von Behauptungen, unausgesprochenen Absichten und Ausreden.
Um Geschichten über den Frieden zu erzählen, müssen wir wohl an einer anderen Stelle beginnen. Ich will mit den Kaggaba beginnen, einem Volk in Kolumbien. In der Sprache der Kaggaba, die von den Europäern Kogi genannt werden, gibt es kein Wort für Feind. Die Idee, dass jemand ihr Feind ist, kommt in ihren Gedanken seit Jahrtausenden nicht vor. Auch nicht nach den Erfahrungen mit der spanischen Kolonialmacht. Somit gibt es bei ihnen auch keine Krieger. Sie sind Bauern die sich um ihre persönlichen Bedürfnisse, um ihre Familien, ihre Gemeinschaft und das Gleichgewicht in der Natur kümmern. Sie sagen, wenn wir andere Menschen töten, dann ist das ein Signal an die Erde, dass auch wir nicht mehr lange hier leben wollen. Aber ihre Motivation, alles Leben zu hüten, entsteht nicht aus der Angst vor den Konsequenzen ihres Handelns, sondern aus ihrer tiefen Verbundenheit mit allem Lebendigen.
Was sie von uns am meisten unterscheidet ist, dass sie nicht glauben, dass das Leben auf der Erde ein Zufall und eine Laune der Natur ist. Sie glauben auch nicht, dass wir auf einem toten Gesteinsbrocken durch ein sinnloses Universum rasen und auch nicht, dass die Haupttriebkraft der Evolution der Kampf um das Überleben und die Verbreitung egoistischer Gene ist. Sie laden uns ein, unsere Sicht auf die Welt hinter uns zu lassen und einzutauchen in die Welt der Verbundenheit von allem mit allem, in eine Welt die uns nicht allein in Angst zurücklässt, in der wir nicht glauben müssen, dass wir verloren sind, wenn wir unsere Interessen nicht durchsetzen. Das ist für unsere Zivilisation eine ganz und gar neue Geschichte - und eine Geschichte vom Frieden.
Wie setzen wir das um? Womit fangen wir an? Es gibt viele Möglichkeiten. Wir können damit beginnen all die Geschichten von Kampf, Konkurrenz und Wettbewerb zu hinterfragen, mit denen unsere Welt ganz selbstverständlich durchdrungen ist. Wir können einfach abschalten, wenn Geschichten über Gut, Böse, Kampf, Sieg, Niederlage und Gewalt über unsere Bildschirme in unsere Welt und unsere Gedanken eindringen.
Das bedeutet nicht, dass wir die Realität ausblenden sollen aber es schafft Raum für neue Geschichten über die Welt und über das Leben; und wir haben die Möglichkeit zu sehen, wie die Geschichten über die Welt, die wir uns erzählen, diese Realität erschaffen.